Ein etwas älterer interessanter Artikel aus der Zeit über Bridge

Europameisterschaft der Bridge-Spieler

Vor Ehepartnern wird gewarnt

Beim Bridge können Freundschaften entstehen –und in die Brüche gehen

Von Berthold Bachter

29. Juli 1983, 9:00 Uhr

AUS DER ZEIT NR. 31/1983

Von Berthold Bachter

Von Chinas starkem Mann Deng Xsiaoping wird berichtet, daß er wichtige Entscheidungen im Kreis seiner engsten Vertrauten am Bridgetisch zu treffen pflege. Böse Zungen behaupten sogar, sein Rückzug aus der offiziellen Politik habe auch damit zu tun, daß er mehr Zeit gewinnen wollte für das Kartenspiel.

Überliefert ist auch die Bridgeleidenschaft der amerikanischen Generale Eisenhower und Gruenther. Die Befehlshaber der US-Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg pflegten – nicht ohne Hintergedanken – für ihre Lagebesprechungen jeweils drei Stunden anzusetzen. Lange nach Ende des Krieges gestand Eisenhower ein: „Nach 30 Minuten waren wir meistens fertig. Dann kamen unsere Adjutanten dazu – und der Rest der Besprechung wurde mit Bridgespielen ausgefüllt.“

Doch Bridge ist kein Zeitvertreib nur für Strategen. Weltweit hat diese Spielart von Geistessport rund 120 Millionen Anhänger. In der inoffiziellen Liste der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen liegt Bridge damit an zweiter Stelle, hinter Tennis, aber noch vor Schach. Am weitesten verbreitet ist es in den USA, wo allein 250 000 in Klubs organisierte Spieler regelmäßig an Turnieren teilnehmen. Außer in den klassischen Bridge-Ländern Großbritannien und Frankreich ist das Spiel in Europa populär vor allem in Holland, Italien, den skandinavischen Ländern und – erstaunlicherweise – Polen und Ungarn. Auch in anderen Staaten des Ostblocks ist Bridge verbreitet. So hat etwa Rumänien während der gegenwärtig in Wiesbaden stattfindenden Europameisterschaften seine Aufnahme in die Europäische Bridge-Union beantragt. Nur in Albanien und der DDR ist das „kapitalistische“ Spiel verpönt; in der Sowjetunion wird zwar die Gründung eines Verbandes nicht gestattet, doch hat Bridge vor allem in den Baltischen Republiken, aber auch in Moskau und Leningrad viele Anhänger.

In der Bundesrepublik fristete Bridge lange Zeit ein Mauerblümchendasein. Zwar gehörten die Deutschen 1932 zu den Gründungsmitgliedern des ersten Europäischen Bridge-Verbandes, doch war diese Episode mit der Machtergreifung der Nazis beendet, die mehr Wert auf körperliche Ertüchtigung als auf geistigen Wettkampf legten. In den Jahren nach dem keine war für müßige Beschäftigungen ebenfalls keine Zeit; hinzu kam die Konkurrenz des „typisch deutschen“ Skatspiels. Erst mit dem wachsenden Freizeitangebot kam ein Aufwärtstrend. Mittlerweile sind etwa 12 500 Spieler im Deutschen Bridge-Verband regelmäßig und etwa 250 000 Menschen dürften regelmäßig im privaten Kreis spielen. Die Europameisterschaft im eigenen Land soll einen weiteren Aufschwung bringen.

Was macht die Faszination dieses Spiels aus, dessen Grundregeln relativ einfach, dessen Möglichkeiten jedoch schier unerschöpflich sind? Es ist Nur Zweifel die intellektuelle Herausforderung. Nur wenige Spiele, wie Schach oder Go sind vom Glück völlig unabhängig; mit Kartenspielen ist das so gut wie nie der Fall – mit eben der Ausnahme Karten Zwar ist man im Rubber-Bridge auf gute Karten angewiesen, doch gleicht sich der Kartenlauf langfristig meist aus. Und im Turnierbridge, insbesondere in Mannschaftswettbewerben, entscheiden allein Technik, Kampfgeist und Durchhaltevermögen.

Zum intellektuellen Anreiz kommt beim Bridge stärker als bei anderen Spielen das Prinzip der unmittelbaren Belohnung. Das Spiel dauert nur verhältnismäßig kurze Zeit – man rechnet im Durchschnitt acht Partien pro Stunde

–, und jede neue Austeilung nicht eine neue Herausforderung dar. Aber es ist nicht nur die Selbstbestätigung, die der Spieler durch eine gelungene Durchführung erfährt; er hat in seinen Mitspielern oder auch Zuschauern ein fachkundiges Publikum, das gute Leistungen erkennen und würdigen kann – eine Anteilnahme, die viele im Alltag und in ihrer Berufswelt vermissen.

Bridge zählt neben Golf und Tennis zu den Sportarten, deren Beherrschung als Voraussetzung für die Aufnahme in den diplomatischen Dienst erwünscht ist. Ein Indiz dafür, daß dieses Spiel wie geschaffen ist, Kontakte zu knüpfen und aufrechtzuerhalten. Daß sich aus Bridge-Partien oft mehr als eine flüchtige Bekanntschaft entwickelt, liegt daran, daß in diesem Partnerschaftsspiel ohne intensive Zusammenarbeit Erfolge nicht zu erzielen sind.

Bridge wird von vier Spielern gespielt, von denen die jeweils gegenübersitzenden eine Partnerschaft bilden.

52 Karten sind im Spiel, vom As über König, Dame, Bube, 10 bis hinunter zur 2. Es zählen nicht Augen, sondern Stiche: dreizehn ist das von einer Seite erreichbare Maximum. Sinn des Spiels ist, daß sich die Partner in einer Reizung (nicht mit der beim Skat vergleichbar) übel ihre Werte verständigen und möglichst genau ansagen, wie viele Stiche sie mit welcher Farbe als Trumpf machen werden. Dabei hat der Gegner das Recht auf die gleichen Informationen wie der Partner; die Bedeutung jeder Ansage muß dem Gegner auf dessen Wunsch erklärt werden.

Nach der Reizung wird derjenige, der als erster die Farbe genannt hat, in der der Kontrakt gespielt wird, zum „Alleinspieler“; sein Partner legt seine Karten für jedermann sichtbar auf den Tisch, und der Alleinspieler bestimmt, welche Karte er von dort und aus seiner eigenen Hand spielt. Die Rangfolge der Farben ist Pik, Herz (in der Bridgesprache Coeur), Karo und Kreuz (Treff), Den höchsten Rang hat „sans atout“ (ohne Trumpf), vergleichbar dem Grand beim Skat, nur daß keine Karte einen dem Buben beim Skat vergleichbaren Wert hat. Farbe muß bedient werden, ansonsten steht es frei, zu stechen oder abzuwerfen.

Im Gegensatz zu Skat oder Doppelkopf, wo die Partner wechseln, bleibt der Partner im Bridge der gleiche – zumindest für die Dauer mehrerer Spiele oder eines Turniers, häufig auch über Jahre hinaus. Eine solche Partnerschaft kann zu einer lebenslangen Freundschaft werden, nicht selten aber auch schweren Spannungen ausgesetzt sein, die zu Zerwürfnissen oder zum Bruch führen. Erfahrene Bridge-Psychologen raten deshalb, daß Ehepaare nicht – oder wenigstens nicht zu oft – zusammen spielen sollten. Sie kennen einander zu gut, als daß der unbedingt notwendige Respekt dem Partner gegenüber immer gegeben wäre. Wenn die häufig zuhohen Erwartungen im Spiel nicht erfüllt werden, sind Enttäuschung und nicht selten Streit die Folge. Da dieser von der „Zwischenwelt“ des Bridge dann nur zu leicht in das alltägliche Leben übertragen wird, bedarf es nur geringer Phantasie, sich die Folgen auszumalen. Vergleichsweise humorvoll ist da noch die Geschichte jener Frau, die, nachdem ihr Partner eine Hand verspielt hatte, gefragt wurde: „Ist das Ihr Mann?“ und antwortete: „Selbstverständlich, glauben Sie, mit so jemand hätte ich ein Verhältnis?“

Doch nicht nur Ehepaare sind gefährdet. Man weiß von internationalen Spielern, die nach der Hälfte eines vierzehntägigen Turniers in getrennte Hotels zogen, um privat nicht miteinander sprechen zu müssen. Die italienische Nationalmannschaft, die während der 60er und 70er Jahre praktisch unschlagbar war, verdankte ihre Vormachtstellung nicht nur ihrer ausgezeichneten Technik, sondern auch der Freundschaft unter den Spielern.

Wer spielt Bridge? Auch jene älteren Damen, die dieser Beschäftigung, wenn man englischen Kriminalromanen glauben darf, bevorzugt bei Tee und Sandkuchen nachgehen; aber bei einem größeren Turnier findet man Vertreter fast aller Bevölkerungsschichten, Akademiker, Studenten und Schüler, aber auch Beamte und Angestellte. Die Arbeiterschaft ist allerdings unterrepräsentiert, was jedoch nicht auf die mangelnde Begabung, sondern wohl eher auf eine meist anerzogene Abneigung gegen intellektuelle Spiele der „besseren Gesellschaft“ zurückzuführen ist.

Auffällig ist, daß Frauen in der absoluten Spitze kaum zu finden sind, obwohl sie die Mehrheit der Spieler stellen. In Wiesbaden spielt im offenen Wettbewerb, in dem 24 Mannschaften mit je sechs Spielern vertreten sind, nur in drei Teams (Österreich, Schweiz, Spanien) je eine Frau. Und das größte, wennauch zweifelhafte Kompliment, das einer Bridgespielerin widerfahren kann, ist noch immer:

„Sie spielt wie ein Mann.“ Männliche Chauvinisten fuhren die Unterlegenheit des anderen Geschlechts gern auf übertriebene Emotionen und Mangel an kaltem Intellekt zurück, doch dürfte es einen anderen, gesellschaftlich bedingten Grund geben: Während Kampfgeist – eine Eigenschaft, ohne die Erfolge im „großen“ Bridge unmöglich sind – bei Jungen meist gefördert wird, wird er bei den Mädchen eher unterdrückt.

In Europa wird Bridge meist im „Nebenberuf “ ausgeübt, obwohl einige Spieler in Frankreich, Großbritannien und Italien durchaus von ihren Gewinnen leben könnten. In den USA hat sich dagegen ein regelrechter Professionalismus entwickelt. Hier spielen Bridge-Experten nicht nur um, sondern für Geld. Sie vermieten ihre Kunst an schwächere, aber wohlhabende Spieler, die mit ihrer Hilfe zu Turniererfolgen zu kommen hoffen. Das Bridge Millionäre machen kann, zeigt das Beispiel der Amerikaner Culbertson und Goren, deren Bücher über Bietsysteme astronomische Auflagezahlen erreichten. Aber Bridge kann auch Millionäre ruinieren. Der Filmstar Omar Sharif hat seine Millionengagen großenteils am Bridgetisch verspielt, wo er mit Vorliebe möglichst hohe Einsätze riskiert –was darauf schließen läßt, daß er vielleicht doch mehr ein Spieler als ein Bridge-Spieler ist.

Kommentar hinterlassen

Bitte loggen Sie sich ein, damit Sie einen Kommentar hinterlassen können.